[CZ] Pogromstimmung in Varnsdorf

Seit einigen Wochen gibt es im Schluckenauer Zipfel in Tschechien, unweit von Dresden, pogromartige Stimmung gegen Roma. Schon an den vergangenen Samstagen gab es Demonstrationen, die in aggressiven Märschen auf die Romahäuser endeten. Bisher hat die tschechische Polizei die aufgebrachte Menge rechtzeitig stoppen können. Brennpunkt war vor allem Varnsdorf, Gegenproteste gab es bisher so gut wie gar nicht. Grund genug für uns, Varnsdorf mal einen Besuch abzustatten und zu schauen, wo, wie und ob die betroffenen Roma unterstützt werden können.

Also fuhren wir am Samstagmorgen mit einer kleinen Gruppe nach Tschechien. Ohne wirklich zu wissen, wie wir die Sache angehen sollen und mit einer guten Portion Angst. Varnsdorf ist ein verschlafener kleiner Ort, nichts deutet darauf hin, dass hier in ein paar Stunden wieder einige hundert Nazis versuchen würden, Romahäuser anzugreifen. Kurz bevor die Demonstration starten soll, sind vereinzelte Kleingruppen zu sehen, einige auch gut als Nazis zu erkennen. Zu Auseinandersetzungen zwischen Roma- und Nazigruppen kommt es dennoch nicht.

Erste Kontaktversuche mit Menschen vor Ort gestalten sich schwierig, das Thema Rassismus gegen Roma scheint Tabu zu sein, selbst bei ansonsten reflektiert erscheinenden Menschen ist kaum Gesprächsbereitschaft vorhanden. Das Gefühl bleibt, dass nicht ein aufgebrachter Bürgermob als Problem wahrgenommen wird, sondern die „nicht anpassungsfähigen“ Roma, selbst bei angeblich „Alternativen“, oder „Linken“.

Der erste Versuch, sich mit den Bewohner*innen eines der zwei im Fokus stehenden Romahäuser auszutauschen, gestaltete sich auf Grund der Sprachbarriere als besonders kompliziert. Trotzdem wurden wir sehr freundlich empfangen. Nach einigen Verständigungsschwierigkeiten kam jedoch Hilfe in Form von Mitarbeiter*innen der Initiative „Hass ist keine Lösung“. Diese hat sich vor zwei Wochen auf Grund der aktuellen Stimmung gegründet. Sie konnten uns viele interessante Infos geben und uns bei der Kommunikation unterstützen.

An dem Haus selbst schien die Stimmung vor und nach der Demonstration eigentlich relativ gelassen. Während der Mob unterwegs war, wurde sich im Haus gesammelt und es gab ein Programm zur Ablenkung für die Kinder, für sie ist die Situation besonders schwer zu verstehen. Die ganze Zeit waren Polizeikräfte rund um das Haus sehr stark vertreten, so dass wir uns doch einigermaßen sicher fühlen konnten. Auch schien die Kommunikation zwischen Roma und Polizei/Antikonfliktteam recht unbeschwert zu laufen. Zwar gibt die Regierung kein antirassistisches Statement zur Lage, aber Angriffe auf die Häuser der Roma sollen auf jeden Fall verhindert werden.

Von der Demonstration selbst konnten wir aus dem Haus nicht viel mitbekommen, jedoch schien sie wesentlich kleiner und es schien auch weniger Ausschreitungen als letzte Woche zu geben, zumindest in unmittelbarer Nähe des Hauses. Der Spuk dauerte nicht lange an, wir hatten erst befürchtet, das Haus bis zur Nacht nicht verlassen zu können. Gegenproteste gab es auch diese Woche nicht, ein paar kritische Presseteams und die wenigen Leute, die versuchten, den Betroffenen direkt am Haus beizustehen, waren alle erkennbaren oppositionellen Kräfte. In Varnsdorf selbst scheint es niemand zu geben, der sich auf die Seite der Roma stellen möchte. Dennoch berichtet die Initiative „Hass ist keine Lösung“ von der obskuren Dorfgemeinschaft, die jeden Samstag im Mob durch die Straßen marschiert und den Rest der Woche freundlich die grüßt, deren Häuser sie stürmen will. Ebenfalls scheint sich der Hass bis Dato rein auf die Roma zu konzentrieren und in keine allgemein-faschistische Stimmung umgeschlagen zu sein. So berichteten äußerlich als subkulturelle Linke zu Erkennende, dass sie im Ort noch nie Anfeindungen ausgesetzt waren.

Trotz dieser Eindrücke sollte sich vergegenwärtigt werden, in welche Zwangslage Menschen gebracht werden, wenn sie sich allwöchentlich dieser Anspannung aussetzen müssen. Hinzu kommen die täglichen Schutzschichten und die Angst vorm Versagen der Polizei. Der Hass gegen die „nicht anpassungsfähigen“ Roma geht klar von einem großen Teil der Bürger aus, wird aber angestachelt von der rechtsradikalen Partei DSSS. Von ihr werden auch organisierte Nazis aus ganz Tschechien und Teilen Deutschlands zu den Brennpunkten mobilisiert. Der Hass gegen Roma ist nichts Neues, immer wieder kommt es zu Anfeindungen und Angriffen, erinnert sei hier nur an Litvinov im Herbst 2008. In der aktuellen Lage werden die Roma zwar gut von der Polizei beschützt, wie lange diese aber Unterstützung leisten kann und will, ist fraglich, vor allem wenn sich die aggressiven Proteste auch weiterhin auf andere Ortschaften ausbreiten.

Aktuell schätzen Beobachter*innen vor Ort die Lage so ein, dass eine offensive politische Arbeit in Varnsdorf die Stimmung eher anheizen als verbessern würde. Wichtig scheint ein längerfristiges Netzwerk aus wirklich antirassistischen Akteur*innen in der Region. Unmittelbar, so teilten die Bewohner*innen des Wohnheims „Hotel Sport“ mit, würden allgemeine Güter gebraucht. In den prekären Lebenssituationen mangelt es vor allem an Kleidung für die Kinder, Schulsachen, Nahrung. Deshalb möchten wir zu einer Sachspendensammlung im AZ Conni in Dresden aufrufen.

Weitere Infos und ein Interview gibt es am Montag (19.09) zwischen 21 und 22 Uhr auf ColoRadio. Außerdem wird es im Rahmen der Libertären Tage am Freitag (23.09) um 20 Uhr im AZ Conni eine Infoveranstaltung des Internationalen Referats der Antifa Tschechien zur Lage in Varnsdorf und Umgebung geben.
Englische Infos gibt es auf romea.cz, einen Artikel auf Deutsch bei addn.me.