Pogromartige Stimmung gegen Roma in Tschechien

Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche verhinderten tschechische Spezialeinheiten der Polizei ein Pogrom gegen Roma in Varnsdorf (CZ, 80km östlich von Dresden). Der Hass geht von normalen Bürger*innen aus, die auch als Mob durch die Straßen ziehen – Neonazis wie die „Freie Jugend“ oder die DSSS nutzen die Gelegenheit. „Nichtanpassungsfähige“ sollen nicht mehr in die Region ziehen, „Zigeuner sollen arbeiten“, „Der Topf läuft über“, „Tschechien den Tschechen“, „Zigeuner ins Gas“. Gegen Rassismus und Antiziganismus protestieren nur wenige.

Während Neonazis für den 17. September schon wieder zu einem Aufmarsch in Varnsdorf aufrufen, verharmlost die Sächsische Zeitung die rassistisch motivierten Ausschreitungen. Demnach waren sie “der vorläufige Höhepunkt der seit Wochen anhaltenden UNRUHEN zwischen der tschechischen Bevölkerungsmehrheit und der Roma-Minderheit in der von hoher Arbeitslosigkeit geprägten strukturschwachen Region”.

Direkt vor unserer Nase fürchten Menschen Tag für Tag um ihre Wohnungen, ihre Kinder, ihr Leben. Sie werden bedroht von einem rassistischen Mob, der nicht vorrangig aus Neonazis besteht, sondern aus den ganz normalen Nachbarn und Nachbarinnen, den ganz normalen BewohnerInnen von Rumburk, Varnsdorf und von Nový Bor. Sie sind gezwungen im Feindesland zu leben. Sie brauchen unsere Unterstützung.

Wie ist der nächste angekündigte Nazi-Aufmarsch am 17. September einzuschätzen? Stand der Dinge ist, dass die tschechische Polizei die Bürgermobs bis jetzt davon abhält, zu den Roma-Häusern zu gelangen. Die Frage ist, wie lange noch. Wir werden uns und euch in den nächsten Tagen möglichst aktuell informieren und versuchen, einzuschätzen, was nun sinnvoll ist, zu tun. Ob es der Besuch eines Vortrags oder Workshops ist, ob es eine Gedenkdemonstration ist, die an das Pogrom(!) in Hoyerswerda von ’91 erinnert, oder ob es eben ist, gemeinsam nach Varnsdorf zu fahren (ca. 2h mit dem Zug).

Wir zitieren unseren eigenen Blog: „Wie sollen wir über Utopien nachdenken, wenn wir einfach nicht dazu kommen?“ (weil immer Dinge passieren, auf die reagiert werden muss) – ja, das ist es eben: auf die reagiert werden MUSS.

Aktualisierungen zur Situation in und um Varnsdorf sowie Entscheidungsfindung dazu wird es auf dem Blog geben, an Infowänden und jeden Tag beim offenen Austauschtreffen.
In jedem Fall: haltet Augen und Ohren offen!

Hier ein paar Links zu aktuellen Artikeln:
Eine Kleinstadt will Roma loswerden (taz, 05.09.)
Antiziganistische Pogrome in Tschechien (Mut gegen Rechte Gewalt, 09.09.)
Pogromstimmung gegen Minderheit (Blick nach Rechts, 12.09.2011)
Bericht auf addn.me (13.09., aus diesem Artikel haben wir Auszüge verwendet)
… und auf indymedia (13.09.)